REZENSION ZU TINA SOLIMAN

„Der Sturm vor der Stille – Warum Menschen den Kontakt abbrechen“

Erschienen bei Klett-Cotta, 2014

Die Autorin ist Journalistin, war für Politmagazine wie Panorama, Kontraste, Report Mainz tätig und arbeitet für die ZDF-Sendereihe „37°“ als regelmäßige Autorin. Wie man in der Liste ihrer Beiträge sieht, geht sie oft dahin, wo’s weh tut und wagt sich auch an Themen wie Tod, Suizid, Kriegskinder oder Zwangsheirat heran. 
2007 hat sie in der Reportage „Für mich bist du gestorben“ für den NDR das Thema Kontaktabbruch aufgegriffen. 2011 brachte sie ihr erstes Buch „Funkstille – Wenn Menschen den Kontakt abbrechen“ heraus,  infolge dessen sie sehr viel Resonanz erhalten habe, und zwar, wie sie in einem Interview sagt, v.a. von Abbrechern, so dass sie weiter an dem Thema arbeitete. Für die ZDF-Sendereihe „37°“ stellte sie dazu eine Reportage „Abgetaucht“ vor. 2014 folgte der zweite Band „Der Sturm vor der Stille – Warum Menschen den Kontakt abbrechen“. 

In diesem zweiten Band, der hier vorgestellt werden soll, ist das Ziel der Autorin, nach den Gründen eines Kontaktabbruches zu suchen. Auch ich habe mir dieses Buch gekauft, weil unsere Tochter, für mich scheinbar aus heiterem Himmel und ohne Begründung, aus unserem Leben verschwand. Nicht nur der Kontaktabbruch an sich, auch die Unerklärlichkeit, liegt wie ein Schatten auf der Seele. 

Es geht der Autorin dabei nicht um Kontaktabbrüche nach Kindesmissbrauch,  Gewaltausbrüchen oder anderen traumatischen Erlebnissen, bei dem jedem, selbst dem Verlassenen, die Begründung unausgesprochen dennoch klar wäre, sondern um die stillen Dramen, bei denen der Kontakt scheinbar ohne Grund, zumindest für den Verlassenen ohne Begründung stattfindet. 

Sie führt Interviews, hört zu, erfasst die Aussagen der Betroffenen und schildert ihre Beobachtungen. Zudem möchte sie Zusammenhänge zwischen Ereignissen und Gefühlen verdeutlichen und führt hierzu Gespräche mit Fachleuten aus der Psychologie und Psychotherapie, die helfen sollen, bestimmte Muster zu entschlüsseln und zu deuten. 

Warum entzieht sich jemand einer Beziehung, die bis dahin eng und wichtig war? „Jeder Mensch braucht Erklärungen, ansonsten macht es keinen Sinn.“ 

Soliman beschreibt hierzu die Diskrepanzen in der Wahrnehmung. Viele Abbrecher meinen, sie hätten ihre Gründe mehrfach erläutert und es habe sich nichts gebessert oder sie müssten sich nicht extra erklären, während die Verlassenen völlig verzweifelt sind, weil sie nicht wissen, was eigentlich passiert sei, warum sie nicht einmal eine Erklärung wert seien. Wahrscheinlich gilt das für beide Seiten: man dreht sich orientierungslos im Kreis, verliert sich in Grübeleien, stellt seine Existenz und „sein Da- und Sosein“ in Frage. 

Die hauptsächlichen Fallbeispiele ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dabei handelt es sich um eine Abbrecherin und drei Verlassene: eine Tochter, die die Beziehung zu ihrer Mutter abgebrochen hat, eine Frau, die nach 17 Jahren von ihrem Mann verlassen wurde, einen Mann, der von seiner Freundin verlassen wurde, und eine Frau, deren langjährige beste Freundin den Kontakt abgebrochen hat. 

Was in der Filmreportage gut erzählt ist, weil sich die Handlung auf die vier genannten Protagonisten konzentriert und man Bilder zu den Namen hat, wirkt im Buch manchmal etwas zerhackt, da die Autorin zwischen den Fallbeispielen hin und her schwenkt, dazwischen werden andere Namen und Zitate von Abbrechern und Verlassenen eingebracht, und Kommentare und mögliche Deutungen von verschiedenen Psychologen und Therapeuten eingestreut. Wenn man das Buch nicht am Stück liest, kann man durchaus mal den Faden verlieren. 

Die Auslöser des Kontaktabbruchs seien meist gar nicht entscheidend, es ist nicht der letzte Streit, das letzte Gespräch oder das letzte Zusammentreffen. Es sei eine Folge einer schon länger angestauten Unzufriedenheit in der betreffenden Beziehung, die dann eines Tages im „Minenfeld der Kommunikation“ explodiere. Der Kontaktabbruch kann auch ohne „Explosion“ geschehen. Man meldet sich einfach nicht mehr, um z.B. einem Konfliktgespräch aus dem Weg zu gehen oder weil einem kein anderes Mittel mehr zur Verfügung steht, weil man einfach nicht mehr kann.

Die Gründe sind wohl so vielfältig, wie es Kontaktabbrüche gibt. Um nur einige zu nennen: Zu wenig Nähe (das Gefühl, nicht geliebt zu werden) zu viel Nähe (auf Basis eines geringen Selbstwertgefühls, Angst, demaskiert zu werden), Machtgefälle und -kämpfe (Dominanz, Übergriffigkeit, ungebetene Ratschläge, eingeforderte Besuche oder der Versuch, den „Mächtigeren“ zu destabilisieren), psychische Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen eines oder beider Beteiligten, Angststörungen, eine falsche Partner-, Berufs- oder Wohnortwahl das jeweils anderen, traumatische Erlebnisse (eine epigenetische Signatur kann bis zur dritten Generation nachverfolgt werden).  Möglicherweise sei dies eine langgehegte Verfahrensweise, die in der Familie immer wieder, auch über Generationen hinweg, praktiziert wurde. Mit dabei sind offensichtlich immer Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Sender und Empfänger und/oder bei beiden. 

Manche Kontaktabbruch-Begründungen sind dabei, über die man für sich, für den eigenen Fall, noch gar keine Vorstellung hatte, aber durchaus eine Reflektion oder einer Konfrontation damit wert sind. Der negative Aspekt dabei ist, dass es einen in die nächste Grübelei jagt, aber dennoch ist mein Fazit: es ist besser und konstruktiver als dieses Schweigen auszuhalten, welches ich in der ersten Phase nach dem Kontaktabbruch unserer Tochter als nur destruktiv empfand. Es sind auch gerade die geschilderten Perspektiven der Abbrecher wertvoll, die die Bedeutung ihres Schweigens hier ein wenig anders interpretieren: als ein „Abstand gewinnen“, als Schutzmechanismus, als ein Stoppschild im Sinne von „ich komme mit dir oder deinen Erwartungen an mich gerade gar nicht zurecht“. Kein Verkehrsteilnehmer bleibt dann ewig an dem Stoppschild stehen, sondern fährt dann auch mal weiter. Aber das ist ein anderes Thema. 

Ich denke, in einem Punkt sind sich alle einig: ein Kontaktabbruch ist keine „normale“, also auch keine gesunde Art der Trennung. 

„Abbrecher und Verlassene sind für immer aufeinander bezogen.“ Das gilt insbesondere gerade auch für die Eltern-Kind-Beziehung, schon allein weil dies für die Kinder die prägendste, und für die Eltern die intensivste Zeit war. Im Gegensatz zu den Paarbeziehungen ist diese soziale Beziehung auch darauf ausgelegt, irgend wann einmal „loszulassen“, weil man sein eigenes Leben gestalten will. Auch wenn dies den Eltern klar ist, sind sie dennoch nicht auf die Brutalität eines totalen Kontaktabbruches vorbereitet. Damit umzugehen ist verdammt schwer. Im letzten Kapitel des Buches geht Soliman auf das Thema Bewältigungsstrategien, übrigens sowohl für Abbrecher wie auch Verlassenen, ein. Allerdings, das sagt die Autorin selbst: das Buch ist kein Ratgeber, kein Lebenshilfebuch. Ihr ist es „wichtig, dass der Leser erkennen kann, er ist nicht alleine, dieses Phänomen gibt es, ich bin nicht verrückt.“ Auch hier lässt sie v.a. die Betroffenen selbst reden. Dabei wird z.B. auf die Frage „Wer hat Schuld?“ gesagt, dass man sich von der Schuldfrage bitte lösen sollte. In Beziehungen bestimmt man Konflikte nicht allein. Konstruktiver ist die Hinwendung zur gemeinsamen Verantwortung, sich zu äußern, wenn etwas schief läuft und gemeinsam Lösungen zu finden und umzusetzen. Es läuft nicht nur von einer Richtung her schief. Dessen muss sich jeder wirklich bewusst werden. 

Auch die Opfer/Täter-Frage helfe nicht weiter. Wenn überhaupt, dann sind beide Seiten als Opfer zu sehen. Die interessante Frage ist eigentlich nur, von was sie Opfer sind, nicht die Frage, von wem. 

Als eine Karthasis, also eine heilsame Befreiung innerer Spannungen und Konflikte, taugt der Kontaktabbruch nur bedingt. Es kann befristet befreiend wirken, um den Abstand zum Anderen zu korrigieren, aber als Dauerlösung wirkt es eher belastend, weil es das eigentliche Problem nicht löst. 

Soliman schreibt, „bei näherem Hinsehen auf die vielen Funkstille-Geschichten wird deutlich, dass es nicht sinnvoll wäre, dem Betroffenen zu raten, konsequent nach vorne zu schauen.“ Eltern sucht man sich i.d.R. nicht heraus, Kinder auch nicht. Das scheint eine der „Zumutungen unseres Lebens“ darzustellen, den jeweils Anderen so zu akzeptieren, wie er/sie ist, d. h. die guten Eigenschaften zu sehen, wenn möglich sogar wertzuschätzen und die Eigenschaften, die einem nicht zusagen, zu benennen und mit dem anderen aushandeln, was man da machen kann. Wer sich dieser Zumutungen nicht einmal bei der ersten, längsten und intensivsten Beziehung, der Eltern-Kind-Beziehung stellen mag oder sich nicht zumuten mag, wird das Leben in seiner Vielfalt nie als etwas Positives erleben oder verharrt schon im Muster der Beziehungsabbrüche. Hierzu von Sören Kierkegaard ein Zitat: „Wer sich nicht offenbaren kann, der kann nicht lieben, und wer nicht lieben kann, ist der „Unglücklichste“ von allen.“ 

Der journalistische Zugang zu dem Thema ist zugleich eine Stärke, wie auch Schwäche des Buches. Es liefert sehr viele Informationen, es ist quasi eine Informationssammlung. Für meinen persönlichen Fall hilft es nur bedingt: Tatsächlich kann ich über mögliche Gründe nur spekulieren und das ist auch nach der Lektüre des Buches so. Es ist eine Lücke vorhanden und diese kann auch nur meine Tochter schließen. 

Soziologen schätzen die Anzahl der erwachsenen Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben, auf etwa 100 000. Dies ist nur eine grobe Schätzung und vermutlich ist die Dunkelziffer höher, da es sowohl für die Abbrecher, wie auch für die verlassenen Eltern oft ein mit Scham und Rückzug behaftetes Thema ist. Aber überhaupt Protagonisten zu finden, die im Filmprojekt sogar vor der Kamera redeten, zeugt von viel Überzeugungskraft, dass dieses Thema relevant ist und besprochen werden muss, und von viel Empathie für die Betroffenen, Abbrechern wie auch Verlassenen, die trotz Schamgefühlen und sicherlich auch Ängsten, unfair bewertet oder ungebeten beratschlagt zu werden, für ihr Buch- und Filmprojekt zur Verfügung standen. 

Hierfür ein ganz großes Danke an die Autorin Tina Soliman, wie auch die mutigen Protagonisten.


Text: Mitglied unserer Selbsthilfegruppe

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